wie alles began

Eigentlich gingen wir nur zu einer Hochzeit!

Diesen Satz sagte sich Griselda Frey-Fornés während ihres Aufenthalts in Tabassaye wohl am meisten. Zusammen mit ihrem Bruder Denis war sie im Februar 2017 im Senegal, in der Region Casamance, in einem kleinen Dorf Namens Tabassaye Mandinga. Ihr gemeinsamer Freund, der Senegalese Bakary, der seit 11 Jahren in der Nähe von Barcelona lebt, lud sie zu seiner Hochzeit in seiner Heimat ein. Eigentlich wollten die Geschwister nach der Hochzeit weiterreisen, die Region erkunden und ein wenig Zeit für sich haben. Aber es kam alles anders als geplant...

 

"Eine Reise ist wie ein gutes Buch. Man beginnt es mit Unruhe und beendet es mit Melancholie."


Nach langer Anreise kamen Griselda und Denis in Tabassaye Mandinga an. Gleich zu Beginn fiel ihnen auf, dass es im Dorf an Allem mangelt. Die Leute sind sehr arm, sie haben nichts. Es gibt kein fliessendes Wasser, keinen Strom, keine Tische, Schränke, Sofas, Toiletten, Dusche... einfach NICHTS!

Das ganze Dorf besitzt 8 Plastikstühle, 6 Trinkbecher sowie ein paar wenige Löffel, die herumgereicht werden. Das bedeutet, die Menschen haben nur das Minimum zum Leben.

Sie wohnen in kleinen Hütten, die aus Bambus und Schlamm gebaut sind. Als Griselda sie das erste Mal sah, dachte sie, dass sie sehr schön und niedlich aussehn. Aber nachdem sie eine Woche in einer solchen Hütte geschlafen hatte - und das mit vier anderen Personen! - hat sie ihre Meinug komplett geändert.

Jede Familie besitzt ihre eigene Hütte. Da die Familien aber so kinderreich sind und nicht alle in der kleinen Unterkunft Platz finden, schlafen nur die Männer darin.

Die Frauen und Kinder hingegen leben alle zusammen in einer grossen Gemeinschaftshütte mit Dach, Türen und Fenstern aus Blech. Das Haus ist unterteilt in vier kleine Zimmer. In jedem Zimmer steht ein Bettgestell aus Bambus mit einer Schaumstoffmatratze. Unter der Decke ist eine Schnur gespannt, um die Kleider aufzuhängen. Mehr gibt es nicht in diesem kleinen Raum - von  Privatsphäre keine Spur! In jedem Zimmer schlafen mehrere Mütter und ihre Kinder.


Im Dorf gibt es keine Strom. Das Wasser muss man bei einem nahe gelegenen Brunnen holen.  Es gibt kein WC, keine Dusche, es gibt einfach nichts.

 

Zum Essen gibt es immer das Gleiche. Die Frage "Was würdest du gerne essen???", stellt sich somit gar nicht. Zum Frühstück gibt es immer MONO. Das ist eine Art Getreidebrei, welcher mit Wasser gekocht wird. Nur selten gibt es die Möglichkeit, den Brei mit Milch zuzubereiten. Falls vorhanden, gibt es dazu Zucker oder Honig - ein unglaublicher und spezieller Luxus!

Zum Mittagessen und Abendessen gibt es immer Reis, der mit frittierten Zwiebeln und Knoblauch gemischt wird. Während ihres Aufenthaltes in Tabassaye wurden die Geschwister Dank der Hochzeit und der Grosszügigkeit ihres Freundes Bakary mit wunderbaren Spezialitäten verwöhnt: THIEB BOU DIEN und THIEB BOU YAB. Zubereitet werden diese Gericht auch mit Reis, zusätzlich aber noch mit verschiedenen Fleischarten, mit Gemüse oder Fisch verfeinert.

Was für Denis und Griselda eine ziemlich langweilige Angelegenheit war, war für die Leute im Dorf Luxus pur. Denn nur während der  3-tägigen Hochzeitsfeier kamen die Bewohner des Dorfes in den Genuss all dieser Köstlichkeiten. Nach dem Fest ging es zurück zur Normalität, das heisst, Reis ohne nichts.

Das Essen wird in einer Hütte zubereitet, die als Gemeinschaftsküche dient. Jede Mahlzeit wird von mehreren Frauen gemeinsam gekocht. Die Stimmung ist sehr gut, Kinder rennen rein und raus, sogar Hühner, Ziegen und Esel marschieren hinein, werden aber sofort wieder hinausgejagt. Wenn das Essen bereit ist, wird es in grosse Metallschalen verteilt, aus denen die Leute in Gruppen essen. Die Geschwister assen in ihrer Hütte in Begleitung von Moussa, Lamine und Ibrahima.

Die Menschen sehen zufrieden aus. Oft hat sich Griselda gefragt, ob sie es wirklich sind. Sie leiden zwar nicht Hunger und haben ein Dach über dem Kopf, aber viele von ihnen sind krank und es passieren ab und zu Unfälle. Und genau das ist das Problem. Wenn jemand krank wird oder einen Unfall hat, dann hat er nicht die Möglichkeit zum Arzt zu gehen oder Medikamente zu kaufen. Es fehlt ihnen dafür schlichtweg das Geld. Es sterben viele Menschen an Sachen, die im Prinzip harmlos sind, aber mangels Hygiene und medizinischer Versorgung tödlich enden können.

Das erste Erlebnis mit diesem Problem hatten die Geschwister an ihrem ersten Abend im Dorf. Sie begegneten einem Mann namens Mamout, welcher eine komplett geschwollene Hand hatte. 


Es stellte sich heraus, dass er sich vor vier Tagen bei der Arbeit mit Bambus an der Hand verletzt hatte und sich die Wunde in der Folge entzündete, was ihm starke Schmerzen bereitete. Denis und Griselda fragten ihn, ob er bereits einen Arzt aufgesucht habe und Medikamente nehme. Er meinte, dass er dafür kein Geld habe und er versuche, das Problem mit Hilfe derjenigen Medizin zu heilen, welche man kenne (Blätter, Kräuter, etc.). Wie ihr euch vorstellen könnt, offerierten ihm die beiden ihre Hilfe und begleiteten ihn am nächsten Morgen ins Regionalspital von Davo, welches sie nach einem 50-minütigen Fussmarsch erreichten. Die meisten Leute sprechen nur Mandinga, weshalb es ziemlich kompliziert war, zu kommunizieren. Aus diesem Grund waren Moussa Diaby und Lamine Mamba zu Begleitung dabei, welche französisch sprachen und wie Schutzengel stets zur Seite waren.

 

An jenem Tag begleitete sie auch ein Junge ins Spital. Als sie auf Mamout warteten, kam eine alte Frau zu ihnen, welche einen Jungen namens Ibrahima an der Hand führte. Sie erzählte, dass seine Mutter verstorben ist und er sich vor ca. 4 Jahren am Bein verletzt habe und die Verletzung nicht heile. Als er sein Hosenbein hochkrempelte, zeigten sich verschiedene offene Wunden an den Schienbeinen. Es war sofort klar, dass Ibrahima ebenfalls mit ins Spital nach Davo kommen musste.

Oben: Auf dem Weg ins Spital nach Dabo.

Unten: Ibrahims Wunden und neue Patienten.

Als sie im Krankenhaus ankamen, waren sie ziemlich schockiert. Was sie dort sahen, hätte sie eigentlich nicht überraschen sollen. Doch wenn man das grosse Elend sieht, ist es nicht so einfach, es zu akzeptieren.

 

Die Behandlung von Mamout inkl. Medikamente hat CHF 12 gekostet. Der Arzt meinte, dass sie Mamout das Leben gerettet haben, da er ohne die Behandlung an einer Blutvergiftung gestorben wäre.

 

Mit Ibrahim war es ein bisschen komplizierter. Seine Behandlung im Krankenhaus war sehr schmerzhaft. Am Ende ware alle komplett erschöpft. Die Kur, die er brauchte, um die offenen Wunden pflegen zu können, benötigte Zeit und Geduld und die Geschwister waren ja nur für wenige Tage in Tabassaye.

 

Die Tage vergingen und jeden Tag kamen neue Leute und suchte Hilfe. Ab diesem Zeitpunkt gingen Griselda und Denis jeden Tag nach Davo ins Krankenhaus, jeden Tag mit neuen Patienten unterschiedlichen Alters. Sie haben auch Medikamente gekauft, z.B. Augentropfen, und alles mögliche, um die Leute in Tabassaye pflegen zu können. Es war wahnsinnig, denn sie waren wie eine NGO, immer in Begleitung von Moussa und Lamine. Ohne diese grossartigen, sehr reifen jungen Männern, die klug, ehrlich und seriös sind, hätten sie das alles gar nicht schaffen können! 

Sie schlossen sie ganz fest in ihre Herzen. 

 

Griselda wiederholte immer wieder halb ernst und halb im Spass:

EIGENTLICH KAMEN WIR NUR ZU EINER HOCHZEIT!


Die Tage gingen vorbei und es kam der Zeitpunkt zurück nach Hause zu kehren.

 

Das grösste Problem war Ibrahima. Es war klar, dass er Pflege brauchte. Dass seine Mutter verstorben war und sein Vater stets unterweg, um die Familie zu ernähren, stellte schlechte Bedingungen für die Genesung des Jungen dar. Die Frage war also, wer die Aufgabe übernehmen und dieses Kind pflegen könnte.

 

Schnell war klar, dass nur Moussa und Lamine geeignet waren, um diese Aufgabe anzupacken. Aber so einfach war das Ganze nicht. Moussa und Lamine leben in Kolda in einer kleinen Baracke, welche Moussas Mutter gehört. Sie besuchen die Schule und sind auf sich selber gestellt. Auch wenn sie über die Tage eine grosse Holfe waren, war uns klar, dass eine solche Aufgabe nicht zu unterschätzen war. Trotzdem sah das Geschwisterpaar keinen anderen Weg und sprachen mit ihnen über Ihre Idee.

 

Die Reaktion war unglaublich, denn sie waren sofort und ohne zu zögern damit einverstanden. Sie waren bereit, zu helfen und das Projekt zu realisieren. Aus diesem Grund wohnt Ibrahima mit dem Einverständnis seines Vaters bei Moussa und Lamine, wo er auch die Schule besucht und Französisch lernt. Griselda und Denis haben den drei Jugendlichen das Nötigste besorgt, darunter auch ein Mobiltelefon, damit sie regelmässig über den Genesungsprozess von Ibrahima informieren konnten.

 

In der Zwischenzeit bzw. nach drei Monaten ist Ibrahima gesund gepflegt und geht ebenfalls in Kolda zur Schule. Endlich, nach vier Jahren ein Leben ohne Schmerzen!

 

Durch den Erfolg des "Projekts Ibrahima" und Angesichts dieser offensichtlich prekären Gesundheitssituation der Bewohner von Tabassaye beschlies­sen Griselda und Denis Fornés, diesen Menschen zu helfen. Weil die beiden wissen, dass sie zu zweit zu wenig Unterstützung anbieten können, beschliessen sie, eine Vereinigung zu gründen und gemeinsam mit anderen Menschen Hilfe zu leisten. So entsteht im Frühjahr 2017 das PROJEKT TABASSAYE.